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One by One – Geschichtsprojekt für die 9.Klassen

In der Zeit vom 07.-09.06.2011 wurde in den neunten Klassen des Arnstädter Gymnasiums ein Geschichtsprojekt durchgeführt, das Geschichte lebendig machen sollte. Dies wurde von Jörg Kaps, Sozialarbeiter der Stadtjugendpflege Arnstadt, organisiert. Mit den zwei Gästen Salomea Genin und Bernhard Schurian verbrachte er pro Klasse jeweils fünf Stunden, in denen über die Zeit des Nationalsozialismus diskutiert wurde. Dabei erzählte die Zeitzeugin Salomea Genin insbesondere über ihre Flucht nach Australien im Jahr 1939 und die dabei entstandenen Hürden. Sie war damals gerade sieben Jahre alt, kann sich aber noch sehr genau an die Probleme ihrer Familie und vieler anderer erinnern Da ihre Familie jüdisch ist, war es in Deutschland nicht mehr auszuhalten. Ihre ältere Schwester musste sich aufgrund der Nürnberger Gesetze von ihrem Verlobten, der nicht jüdisch war, trennen. Der Vater wurde nach der Reichspogromnacht für kurze Zeit im KZ Buchenwald festgehalten, aber durch Zahlung einer Kaution freigelassen.

Um ausreisen zu können, musste die Familie nachweisen, dass ein Verwandter für sie bürgen würde, ein Onkel lebte zum Glück schon länger in Australien. Sie berichtete von der langen Reise, die sie nach Melbourne führte, den anfänglichen Schwierigkeiten als Fremde, ohne Sprachkenntnisse und ohne Freunde in der neuen Schule. Obwohl sich die Familie in Australien eingelebt hatte, fühlte sich Salomea nie wirklich als Australierin. Im Alter von 21 Jahren zog es sie zurück nach Deutschland. Sie meinte, nur so ihre Vergangenheit aufarbeiten zu können .Zunächst lebte sie in der BRD, doch da sie aus Überzeugung Kommunistin war, wollte sie im Osten Deutschlands diese neue Gesellschaftsordnung aufbauen. So ging sie in die DDR, ein ungewöhnlicher Schritt in der damaligen Zeit. Schon bald erklärte sie sich bereit, für die Staatssicherheit zu arbeiten, da sie überzeugt war, damit etwas Gutes für den sozialistischen Aufbau zu tun. Sie wurde also IM (Informeller Mitarbeiter). Für die Stasi brachte sie gute Voraussetzungen mit, da sie die englische Sprache perfekt beherrscht und so Umgang mit Menschen aus dem nicht sozialistischen Ausland hatte. Diese Entscheidung, für den Geheimdienst der DDR zu arbeiten, ist für uns jedoch schlecht nachvollziehbar. Doch 1982 gab Salomea Genin diese Tätigkeit auf, da sie erkannt hatte, dass die Arbeit als IM nicht ihren Lebensidealen entsprach. Dieser Schritt brachte ihr aber erneut Probleme.

Durch das Projekt „One by One“ lernte sie Bernhard Schurian (geboren 1962) kennen. Dieser beschäftigt sich seit seinem 17. Lebensjahr mit der Vergangenheit seiner Familie, da seine Vorfahren nationalsozialistisch eingestellt waren und er ein Gefühl der Schuld verspürte. Er wollte wissen, inwiefern sich die Großväter, beide Mediziner, und sein Vater als Flakhelfer schuldig gemacht hatten. Doch eine eindeutige Antwort konnte er uns nicht geben. Sein Vater wurde 1928 in Erfurt geboren und war schon in jungen Jahren aktiv am Krieg beteiligt .Da er aber mit dem Leben davongekommen war, beschloss er, nach dem Krieg Theologe zu werden. In dieser Funktion ging er mit der Familie nach Afrika. Bernhard verbrachte dort fünf Jahre seiner Kindheit, was schon früh dazu führte, sich mit anderen Kulturen und Personen auseinander zu setzen und Toleranz zu lernen.

Uns wurden von beiden viele Geschichten und Erlebnisse aus einzelnen Lebensabschnitten und von Verwandten ausführlich berichtet. Im Zentrum unserer Gespräche stand dennoch, ob und inwiefern der Nationalsozialismus uns heute noch etwas angeht, wo er uns begegnet und wie man mit der eigenen Vergangenheit und der der Vorfahren umgehen sollte. Wir selbst wurden angeregt, eigene Geschichten von Verwandten und Bekannten zu erzählen, was uns selbst auch dazu anregte, über die Geschichte der Familie nachzudenken und bei unseren Eltern und Großeltern nachzufragen. Jeder sollte sich auch immer wieder fragen, was hätte ich getan, was müsste man tun, wenn man in einer Diktatur lebt und vor allem, was kann man Diktaturen verhindern. Auf jeden Fall sollte man sich nie dazu hinreißen lassen, seine Menschlichkeit aufzugeben. Jeder ist für das, was er tut, selbst verantwortlich. Sich mit Geschichte zu beschäftigen ist eine Möglichkeit, um aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Wer sich über die Geschichte Salomea Genins genauer informieren möchte, kann auch die von ihr verfassten Bücher „Scheindl und Salomea“ und „Ich folgte den falschen Göttern: Eine australische Jüdin in der DDR“ lesen.

Das Projekt wurde von den meisten Schülern begrüßt und positiv aufgefasst, dennoch hätte man mit einer chronologischen Gliederung die Geschichten der beiden Familien den Schülern und Lehrern noch verständlicher näher bringen können. Wir bedanken uns für den Einblick in die nationalsozialistische Zeit, die ehrlich beantworteten Fragen und freuen uns auf ähnliche Projekte.

Therese Engelhardt und Stephanie Paul (Klasse 9B)

© 2011, Staatliches Gymnasium Arnstadt.

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Artikel erstellt: Montag, 20.Juni 2011, 12:05 Uhr• Kategorie: Artikel

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